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Kaprun oder die Errichtung einer Mauer


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- Christoph Ransmayer



 
von Cyberbär am 16 Mar. 2006 21:05

Christoph Ransmayr
Kaprun - Oder die Errichtung einer Mauer
Zwangsarbeit in Kaprun

Arbeitsaufgaben für den Unterricht:

Beantworte folgende Leitfragen zum Text

1. Dieser Text ist eine poetisierte Reportage. Benenne die historische Information und die poetische Einkleidung!
2. Dieser Text trug bei seinem Erscheinen den Untertitel „Mythos einer Mauer“. Erkläre daraus die Schreibintention des Autors!
3. Die Reportage beginnt mit einer Rattenparabel. Versuche eine Deutung und setze sie in Bezug zum Zeitgeschehen der Gegenwart!
4. Dokumentarische Literatur will aufklären. Finde im Text jene Passagen, in denen die Verdrängungshaltung der Bevölkerung mit der historischen Realität kontrastiert wird!
5. Kaprun ist einer der bekanntesten Touristenorte Österreichs. Inwiefern trägt dieser Status dazu bei, historische Realität zu verharmlosen? Wie wirkt sich der Tourismus auf die Mentalität der Bevölkerung aus? Suche im Text Belege dafür!

Kaprun - Oder die Errichtung einer Mauer

Es war ein dünner, panischer Gesang. Wenn das Gebirge leiser wurde, schwächer die Windstöße über den Geröllhalden und Felsabstürzen und eine empor rauchende Nebelwand auch das Getöse der Großbaustelle Limberg zu einem fernen Dröhnen dämpfte, dann hörte man diesen Gesang.
Es war das Todesgeschrei der Ratten. Nass, zerzaust, in schwarzen Scharen waren die Ratten aus den Ruinen des Arbeiterlagers am Wasserfallboden gekrochen, aus den ins Gestein gesprengten Latrinen, Abfallgruben und Stollen, und hatten sich vor der Flut zu retten versucht. Wochenlang, heißt es, hielten sie einen Felskegel besetzt, eine täglich kleiner werdende Insel, und pfiffen und schrien ihr Entsetzen gegen das schon unerreichbare Ufer, kletterten immer höher, kämpften um jeden Halt ihrer verschwindenden Zuflucht, fielen schließlich übereinander her.
Langsam und trübe stieg die Flut ihnen nach. Das Gletscherwasser füllte alle Gruben und Hohlräume aus, drängte in jede Falte des Hochtales, hob liegengebliebenes Bauholz, Balken, Gerüstteile auf und schloss sich über allem, was sich nicht heben ließ. Der Spiegel des Limbergstausees, hoch über Kaprun und sechzehnhundert Meter über dem Meer, stieg ruhig, träge, stieg, überspülte schließlich die Zuflucht der Ratten und wusch den Stein leer.
Gewiss, dieser Untergang ist nur ein marginales Bild aus der Baugeschichte der drei großen Staumauern von Kaprun, eine Beiläufigkeit aus der Zeit des ersten Anstaus zu Limberg 1949 und 1950, und ist nichts gegen die Tragödien und Triumphe, die man in den Jahren der Errichtung der weit in den Hohen Tauern verstreuten Anlagen des Speicherkraftwerkes Glockner-Kaprun beklagt und gefeiert hat. Dennoch fehlt die Erinnerung an den Untergang der Ratten in kaum einem Bericht und keiner Zeugenaussage derer, die damals an den Mauern geplant und gelitten haben.
Einmal hämisch ausgeschmückt und dann wieder als karge, apokalyptische Parabel erschien dieser Untergang immer wieder in der Überlieferung. Als bloße Karikatur einer Katastrophe eignete er sich vielleicht auch wie kaum ein anderes Bild zur Illustration jener verborgenen Angst, die dem Anblick von Staudämmen als Makel anhaftet — der Angst vor der Flutwelle, die nach dem Bersten der Limbergsperre hoch wie ein Dom die langen Stufen des Kapruner Tales hinabspringen würde. Innerhalb von zwanzig Minuten — man hat auch das »Undenkbare« längst an Modellen im Maßstab eins zu hundert geprobt — würde die ungeheure Welle das am Talausgang liegende Dorf erreichen, darüber hinwegrasen, dann in das Salzachtal hinausfluten und nichts hinter sich lassen als Schutt und einen großen Morast.
Aber in Kaprun, heißt es, fürchte sich schon lange keiner mehr. In den drei Jahrzehnten, die seit der Krönung der Kapruner Talsperren vergangen sind — der 120 Meter hohen und 357 Meter langen Limbergsperre, die den Stausee am Wasserfallboden hält, und der ähnlich mächtigen Drossen- und Moosersperre, zwei durch einen Felskegel voneinander getrennte Mauern, die den im höchsten und letzten Ausläufer des Tales auf zweitausend Meter gelegenen Stausee Mooserboden dicht unter die Gletscher zwingen —, in diesen drei Jahrzehnten also haben die Inklinatoren, die Teleformeter, Sammelglocken, Klinometer, Pegel und Pendel, haben Hunderte in die Dämme eingemauerte Kontrollvorrichtungen keinen Wert angezeigt, der Furcht bestätigt oder gar einen Alarm ausgelöst hätte.
Dass für die Stunde des Undenkbaren nach wie vor acht Sirenenwagen bereitstehen, dass auf einer Almwiese im Ortsteil Lehen, unerreichbar für die Flutwelle, nach wie vor ein weißgekalktes Häuschen instand gehalten wird, das dem Bürgermeister und der Exekutive in dieser Stunde als Kommandostand dienen soll, und dass schließlich auch der Flutwellenalarm nach wie vor und regelmäßig geübt wird, ist bloß Vorschrift und Routine. Im Kapruner Tal ist das Vertrauen in die Technik groß wie die Staumauern selbst:
Die Alarmübungen bleiben stets auf wenige Eingeweihte beschränkt, von den Sirenen wird auch probeweise kein Gebrauch gemacht, kein Laut soll die Touristen beunruhigen, und die Hinweistafeln für das Verhalten im Ernstfall sind längst aus dem Ortsbild verschwunden. Alle nötigen Anweisungen wurden auf diskrete Flugblätter gedruckt und an die Kapruner Haushalte verschickt. Dort vergilben sie jetzt. Das ist alles. Es herrscht Ruhe im Tal.
Spiegelglatt hinter den dunklen Mauern, eingefasst von schönen Bergzügen und gesäumt von Steinhalden und Almwiesen, liegen die beiden Stauseen wie eine bloß zum Spiel ins Urgestein gesetzte Zierde, eine Fremdenverkehrsattraktion. Und tief unterhalb der Seen Kaprun, ein blühendes Dorf, das entlang der Baugeschichte des Speicherkraftwerkes wohlhabend und groß geworden ist.
Ein Bergführerdorf war es einmal, berühmt für seine prachtvollen Hochtäler und Dreitausender, und hatte kaum siebenhundert Einwohner, bevor die Planer, Ingenieure und Arbeiter kamen und den Ort zunächst in ein riesiges Baulos und dann in einen schmucken Schauplatz des Fremdenverkehrs verwandelten.
Das Kaprun der Gegenwart, sagt Bürgermeister Helmut Biechl in seinem Amtszimmer, während draußen ein kalter Augustregen rauscht, sei sozusagen eine Folge des Kraftwerkbaues, eine Begleiterscheinung. Auch er, sagt der Bürgermeister; sei wie neun seiner neunzehn Gemeinderäte bei den Tauernkraftwerken beschäftigt, ein Maschinenschlosser aus Rauris, der erst durch den Sperrenbau nach Kaprun gekommen sei und sich dann, wie etwa achthundert andere Arbeiter auch, hier niedergelassen habe.
Mehr als 2700 Einwohner werden nun in Kaprun gezählt, das Bild eines Bergführerdorfes ist längst verwischt, und gezählt werden dreizehn Hotels, neun Gasthöfe, 65 Frühstückspensionen, neun Pensionen, 75 Häuser mit sogenannten Fremdenzimmern und 31 Ferienappartments. Die Geschäfte gehen gut. Der Sieg über die Natur, der Triumph der Technik, von dem man in den Baujahren viel geschrieben und geredet hat, hat sich als so vollständig und total erwiesen, dass man ihn nun vergessen könnte - wären da nicht jährliche Hunderttausende Touristen, die mit Stand- und Drahtseilbahnen, mit in Tunnels dahinröhrenden Autobussen, mit Liften und Schrägaufzügen und allen ehemals zum Baumaterialtransport verwendeten Mitteln durch das Gebirge geschleppt, gehoben, gefahren und gezogen werden.
Die Hinterlassenschaft der Talsperrenbauer umfasste schließlich nicht bloß die beiden großen Stauseen und einen dritten, kleineren, an der Zunge des Pasterzengletschers am Großglockner gelegenen Wasserspeicher, nicht bloß zwei Krafthäuser mit einem jährlichen Energiegewinn bis zu 700 Millionen Kilowattstunden und ein verzweigtes System von Zuleitungsstollen und Lawinen- Sicherungen, sondern ebenso das Ende der Kapruner Unzugänglichkeit — ein volltechnisiertes Idyll.
Aber wie die meisten Idylle der Zweiten Republik hat auch dieses hier eine Geschichte, deren einzelne Abschnitte das österreichische Nationalbewusstsein mit wechselndem Erinnerungsvermögen bewahrt: an die zwanziger und dreißiger Jahre, die Jahre der ersten Entwürfe und der ebenso ehrgeizigen wie undurchführbaren Großkraftwerkspläne der Württembergischen Elektrizitätsgesellschaft und der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft Berlin, an alpenunerfahrene Techniker, die im Auftrag eines in alles Große und dann folgerichtig auch ins Großdeutsche verliebten Salzburger Landeshauptmannes den Anfang gemacht hatten, erinnert man sich der Vollständigkeit halber und ohne besondere Schwierigkeiten.
An die düstere erste Bauphase während des Krieges erinnert man sich der Genauigkeit halber nicht — das war schließlich eine großdeutsche Zeit und keine österreichische, weiß Gott, und zudem die Zeit der Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager am Rande des Dorfes und auf den Almen, die Zeit der namenlosen Toten und des Arbeitermassengrabes an der Salzach. Man habe damals die Leichen karrenweise von der Baustelle geschafft, sagt der Landwirt und Pensionsbesitzer Josef Mitteregger vom Oberlehenhof und stellt einen Eimer eben gepflückter Kirschen ins Gras.
Bei dieser Hundearbeit damals und nur einer Krautsuppe täglich kein Wunder, dass viel gestorben worden sei. Aber der Krieg habe eben in einem Kapruner Lager nicht anders ausgesehen als in einem russischen oder sonst wo.
Erst die Bauchronik der Nachkriegszeit, die stets die eigentliche sein soll, enthält wieder klare bis strahlende Bilder, die hochgehalten, immer wieder gesäubert und weiter überliefert werden. »Kaprun ist ein moderner Mythos für Österreich«, heißt es in einem jener dem Talsperrenbau gewidmeten Heldenromane, die für fünf Schilling Entlehngebühr pro Band in der kleinen Gemeindebücherei von Kaprun nach wie vor bereitliegen; Kaprun »... steht an der Wiege unserer jungen Zweiten Republik.
Seine Geburt war gleichzeitig die Wiedergeburt Österreichs.« Aber die in Romane wie Hoch über Kaprun, Die Männer von Kaprun oder Kaprun — Bezähmte Gewalten eingeklebten Entlehnzettel belegen nur den Schwund des Interesses an Wiederaufbaumythen; zwei, drei Leser pro Buch und Jahr stehen da vermerkt. Ein paar Fremde, sagt der Büchereileiter, säßen manchmal an Regentagen im Leseraum.
Ich nähere mich dem verblassten Mythos Kaprun an einem jener 140 Niederschlagstage, die in der Gemeindestatistik neben 98 Schneedecken- und 128 Frosttagen als jährlicher Durchschnitt genannt werden. Es ist ein kalter Dienstag im August, auf den Steilhängen oberhalb der Stauseen liegt Schnee, und das Sirren der 220 000Volt-Leitungen, die ein schmales Stück freien Himmels schraffieren, klingt wie der Flügelschlag eines großen Insekts.
Der Sperrenbau? Die Errichtung der Krafthäuser? Die Verwandlung Kapruns? — Alles Fragen für den Rainer, sagt Gemeindesekretär Endleitner über seinen Schreibtisch; der Gottfried Rainer könne am besten darüber Auskunft geben. Der sei dabei gewesen.
Gottfried Rainer, der letzte der alten Bergführer des Dorfes, sitzt in der Stube eines kleinen, dunkelhölzernen Hauses, das als Museum beschildert ist, und schnitzt an einem Löwen aus Zirbenholz. Das Museum, ein zerlegtes und hier wieder aufgebautes Almhaus, wirkt zwischen den vielen Neubauten Kapruns verloren und unzeitgemäß wie die Fragen nach der Geschichte des Sperrenbaus. Das sei doch alles fast schon vergessen, sagt Rainer und schneidet mit dem Hohlmesser Holzlocken aus den Augen des Löwen, das bewege hier niemanden mehr. Gewiss, er selber habe vom ersten bis zum letzten Betonkübel an dieser großen Arbeit mitgetan — als Bergführer für die Planer und Herrschaften zuerst, dann als Vermesser und Zeichner, als Betonierer, als Mineur in den Stollen, und habe auch als Schlepper das ausgesprengte Gestein aus den Schächten geschafft — wie ein Vieh lebe so ein Mensch in den Stollen dahin.
Dabei habe er bei allem Staub und Rauch und Schlamm im Inneren des Gebirges immer auch noch eine Musik im Kopf gehabt und sich in den Nachtschichten dieser Jahre drei Märsche ausgedacht. Wenn er an den freien Tagen nach Hause gekommen sei, habe ihn seine Frau anschreien müssen wie einen Narren, so taub sei er gewesen vom Donner der Sprengungen. Aber die Märsche, die habe er zu Papier gebracht und auf dem Flügelhorn selbst gespielt; der schönste von den dreien, der Kapruner Marsch, werde noch jetzt von der Blaskapelle immer wieder aufgeführt.
Nein, zu den Sperren hinauf und über die Gletscher wird Gottfried Rainer nun wohl nicht mehr gehen. Er hat lebenslang große Mühen gehabt dort oben, hat als Bergführer so viele Damen und Herren aus den Städten über die Grate und Gletscher gebracht und die Leichen anderer, die abgestürzt, unter die Lawinen gekommen oder ins Eis gefallen sind, geborgen und ins Tal getragen. Was soll er jetzt noch auf den Dammkronen, ein alter Mann unter dem Touristentumult?
Dort oben gibt es jetzt viel anzuschauen und nichts mehr zu tun. Und außerdem hat Gottfried Rainer das Gebirge längst im Kopf, alle Schroffen und Bergzüge und die Hochtäler so, wie sie gewesen sind, bevor sie von den Stauseen überflutet wurden — die Orglerhütte, das schöne Mooserbodenhotel, von dem aus die Sommerfrischler zu den Gletschern aufgebrochen sind; alles versunken. Zur Zeit des ersten Anstaus, 1949 auf dem Wasserfallboden und fünf Jahre später am Mooserboden, war sogar erlaubt, was ansonsten als Bosheit an den Bergen gilt — der Enzian, Almrausch und alles Edelweiß der zum Untergang bestimmten Almen durfte mitsamt den Wurzeln ausgegraben und fortgetragen werden.
Gottfried Rainer hat sich auch ausgegraben und entfernt von dort. Aber ja, am Strom aus Kaprun war und ist viel gelegen. Nun ist es ja auch nicht so, dass ihm die Stauseen nicht gefielen; bei schönem Wetter und Vollstau im Herbst liegen sie recht schön da, und die vom winterlichen Hochbetrieb der Turbinensätze geleerten Wasserspeicher des Frühjahrs bekommt ohnedies kaum einer zu Gesicht;
kaum einer die wüsten, grauen Steinhalden, aus deren Bodensatz dann langsam die Ruinen des Arbeiterlagers, der Orglerhütte und alles Versunkene wieder auftaucht. Nein, es ist schon gut, wie es ist; nur - sein Platz, Gottfried Rainers Platz, ist jetzt eben hier, im Museum. Hier hütet und pflegt er die Gebrauchsgegenstände einer verschwundenen Kultur — Dengelstöcke, Sicheln, hölzerne Traggestelle, Schindelmesser, Schneeschuhe, auch das geschmiedete Werk der alten Turmuhr und an der Wand, groß und gerahmt, die Fotos vom Sperrenbau - eine Galerie der Mühsal.
Wenn Besucher kommen. Fremde, legt Rainer sein Schnitzwerkzeug beiseite, nimmt seinen Zeigestab und geht dann erzählend von Bild zu Bild, von Erinnerung zu Erinnerung. Hier zum Beispiel, der dicke, strahlende Herr in Uniform, das ist der Generalfeldmarschall Hermann Göring beim ersten Spatenstich für das Krafthaus Hauptstufe. Das war 1938. Im Mai.
Es war ein Fest — zwischen Zell am See und Kaprun Tausende ins Heil gestreckte Hände, dann die Reden, die Huldigungen, viel Musik und die große Mahlzeit im Gasthof Orgler. In Kaprun hatte man damals schon nicht mehr an ein Kraftwerk geglaubt:
Die maßlosen Pläne der zwanziger und frühen dreißiger Jahre waren längst an den Intrigen der Kohlenindustrie und schließlich der Weltwirtschaftskrise zunichte geworden. Nur einige umstrittene Versuchsbauten lagen verwahrlost im Gebirge — der Hangkanal unterhalb des Wielinger Gletschers etwa, das lächerlich kurze Probestück eines nie gebauten, 1200 Kilometer langen Kanalsystems, das die Hohen Tauern wie eine Dachrinne umsäumen und alles Wasser der Berge den Stauseen hätte zuführen sollen.
Also gut. Und dann kam Herr Göring — Osterreich war damals unter dem Jubel der anschlussfreudigen Österreicher eben erst im Dritten Reich verschwunden -, und Herr Göring plärrte über die Pinzgauer Trachtenhüte hinweg, nun sei es auch mit der österreichischen Schlamperei und Gemütlichkeit vorbei, nun werde das große Werk endlich begonnen, und hob dann zwischen Kaprun und Köttingseinöden ein paar Schaufeln saurer Erde aus. »Der Preuße sagt, es wird gebaut! Armes Kaprunertal!« steht über diesen Tag in der Pfarrchronik. Aber im Ort, den Pfarrer und einige Bauern ausgenommen, die am Wirtshaustisch gegen die Verwüstung der Almen protestierten, war man zufrieden. Arbeitsplätze waren ja versprochen, wirtschaftlicher Aufschwung und der Dank des Führers.
Am Ort des ersten Spatenstiches, am Weg nach Köttingseinöden, liegt heute zwar kein Krafthaus, sondern nur die Pension Erika, das Werk wurde weiter taleinwärts errichtet — aber einen wirklichen Anfang, das könne nun einmal nicht mehr geleugnet werden, sagt Gottfried Rainer, habe dieser Herr Göring doch gemacht. Noch vor der Anzettelung des Zweiten Weltkrieges habe also in Kaprun der Krieg gegen das Gebirge begonnen: Straßen mussten durch die schlimmste Unwegsamkeit gebaut werden. Brücken geschlagen, Tunnels ausgesprengt. Schienen verlegt, und mit Tragseilen für Dutzende Materialseilbahnen mussten dann auch die Abgründe zugenäht werden.
Gottfried Rainer hat damals geholfen, die Wildnis zu vermessen, hat den Verlauf geplanter Tunnels abgesteckt und Karawanen schwerbeladener Pinzgauer Rösser in die Gletscherregion hinaufziehen sehen. Die Rösser haben ihm leid getan; alle paar Tage ist eines unter der übergroßen Last mit schaumigen Nüstern verreckt. Aber dann kam der Krieg, dann kamen die Gefangenen, und es gab mehr zu bedauern als tote Pferde. Baracken, überall standen Baracken — dort, wo heute das Cafe Nindl steht, in dem sich an den Volkstanzabenden die Touristen drängen;
dort, wo heute die Werkssiedlung und das Umspannwerk liegen, und an der Salzach, am Wasserfallboden; auf der Zeferetalpe ...; selbst an Steilhängen, die nur mit alpiner Ausrüstung zu durchsteigen waren, klebten die Baracken wie Vogelnester. Drei- und viertausend Arbeiter aus allen »Feindländern« mühten sich in den Hochbetriebszeiten, den wenigen schneefreien Monaten, mit der Verwirklichung von Plänen ab, die der Schroffheit und Widerspenstigkeit dieser Landschaft immer neu angeglichen werden mussten, und schufen so die Voraussetzungen für den späteren Sperrenbau.
Viele von ihnen starben unter den Lawinen, mit denen sich das Gebirge zur Wehr setzte, unter Steinschlägen, Erdrutschen, in den Wasserstollen, an Erschöpfung und an der Unbarmherzigkeit dieser Jahre. Wie viele Tote? Gottfried Rainer weiß es nicht mehr;
ernsthaft gezählt wurde ja erst wieder nach dem Krieg, als ein Verstaatlichungsgesetz die Tauernkraftwerke AG zum neuen Bauherrn machte. Über die namenlosen frühen Toten wird in Kaprun nur in Ausnahmefällen gesprochen. Hundert Tote vielleicht, sagen dann die einen; mindestens vierhundert, die anderen. Mindestens vierhundert, sagt auch Hippolyt Ennsmann, der damals Hüttenwirt gewesen ist, später als Mineur und Materialseilbahnführer am Sperrenbau gearbeitet hat und jetzt als Pensionist nahe der Werkssiedlung in Kaprun lebt.
An die ersten Baujahre erinnert nur ein verstecktes Denkmal abseits jener Straße, die vom Dorf zur Burgruine Kaprun führt. Aber die dichten Sträuße touristendienlicher Hinweisschilder an den Wegkreuzungen des Ortes enthalten keinen Hinweis auf dieses Zeugnis: Der Weg dorthin ist so schmal, daß die Schultern eines Besuchers an Gebüsch streifen. Es ist eine kleine, grüne Sackgasse, an deren Ende das Ärgernis des Russendenkmals aufragt.
Ein meterhoher Obelisk, geschützt von der Warntafel »Kriegsgedächtnisstätte — Beschädigung wird streng bestraft« und rot gekrönt von Hammer, Sichel und Sowjetstern, bewahrt hier in aller Abgeschiedenheit das Andenken an die Unglücklichen, deren Leichname aus dem Massengrab an der Salzach exhumiert und unter diesem Stein wieder beigesetzt werden mussten. An die kyrillische Inschrift auf der Stirnseite des Obelisken schließt, unbequem und unversehrt, die deutsche Übersetzung an:
Hier liegen 87 Sowjetbürger
von deutsch faschistischen Eroberern
ins Elend getrieben und fern von der Heimat
ums Leben gekommen


In Kaprun hatte man sich vergeblich gegen dieses Denkmal gewehrt, und es steht wohl auch nur da, weil Nikita Chruschtschow, neben dem Schah von Persien einer der vornehmsten Talsperrenbesucher, es so gewollt hat. Und die Polen, die Tschechen, die Jugoslawen und alle anderen Zwangsarbeiter? Die haben kein Denkmal, sagt Gottfried Rainer. Er ist für diesen Tag am Ende seiner Erklärungen, am Ende seiner Galerie.
Rainer hat mich an Bildern vorübergeführt, die den Ansichten einer in die Talenge gekeilten Wolkenkratzerstadt glichen - es waren Bilder der halbfertigen Limbergsperre, die in turmähnlichen, durch schmale Klüfte voneinander getrennten Blöcken hochgemauert wurde. Durch diese Kühlspalten konnte die Hitze des aushärtenden Betons verfliegen, und an kalten Tagen standen Dampfwolken über der wachsenden Mauer. Auch diese Wolken habe ich gesehen.
Rainer hat von den vielen, nur für diesen Bau gemachten Erfindungen erzählt, von neuartigen Betonier- und Sprengtechniken, von genialen statischen Lösungen, und mir die Anordnung der Arbeiterlager im Gebirge gezeigt; Bilder von schneeverwehten, dann staubbedeckten und wieder schneeverwehten Unterkünften; Bilder von Steinschlagverwüstungen und Lawinenstrichen, die immer wieder von Trümmern starrende Schneisen durch alle Einrichtungen und Ordnungen der Baulose zogen und die Liste der Toten verlängerten.
Und Rainer hat mir auch das Bild eines Helden gezeigt, es war der vierte von links in einer Arbeitergruppe, die vor dem Mundloch eines Stollens posierte. Dieser Mann, der als »Tauernbüffel« in die Geschichte des Sperrenbaus eingegangen sei, habe vor allen anderen dafür gesorgt, dass in Kaprun nach dem Krieg alles zu einem guten Ende kam; Ernst Rotter sein Name — der Oberingenieur und Herr über sämtliche Baulose im Tal und im Gebirge. In der ersten Zeit nach dem Krieg, in der das Entsetzen über das Geschehene allmählich öffentlich wurde, hatte ja auch in Kaprun der große Stillstand geherrscht.
Noch im Sommer 1945 war am Wasserfallboden der Hilfsdamm geborsten, der einen provisorischen Kraftwerksbetrieb ermöglicht hatte; die Flutwelle war nur klein gewesen, eine Million Kubikmeter Wasser, nichts gegen die mehr als 170 Millionen Kubikmeter, die nun in den Stauseen bereitliegen — aber diese Welle hatte doch ausgereicht, um die Höhenbaustelle zu Limberg in eine Ruinenlandschaft zu verwandeln. Was von den Resten noch brauchbar war, wurde demontiert, gestohlen und verschwand über die Saumpfade im Schleichhandel der Mangelzeit, bis die amerikanischen Besatzer die Plünderung ihrer hochgelegenen Beute mit der Todesstrafe bedrohten.
1946, nach langen Verhandlungen zwischen den Besatzern und den Vertretern eines mit seiner Unschuld beschäftigten Osterreich, wurde die Arbeit wieder aufgenommen — chaotisch und regellos zuerst und ohne viel Hoffnung: Es gab kaum Arbeitsgerät, kaum Lebensmittel, Baumaterial, Kleidung, kaum Unterkünfte und viele Trauernde.
Die alte Bauleitung war im Salzburger Entnazifizierungslager Glasenbach verschwunden, die Zwangsarbeiter waren heimgekehrt — und wer kam in diesen Zeiten schon freiwillig in die Wildnis der Hohen Tauern? Langsam, sehr langsam und allen Beschäftigungsplänen weit hinterher formierte sich im Kapruner Tal eine neue Arbeiterschaft:
Da waren kriegsgefangene Österreicher unter amerikanischer Bewachung neben freien österreichischen Arbeitern — Heimkehrern, Heimatlosen, Ausgebombten, Vertriebenen und Flüchtlingen; da waren die aus den Kellern und Konzentrationslagern des Dritten Reiches befreiten Kommunisten und Sozialdemokraten neben den nun selber zur Zwangsarbeit verurteilten Nazis; die einzelnen Gruppen lebten in verschiedenen Lagern, nur verbunden durch die gemeinsame Arbeit und eine oft ungebrochene Feindschaft. Und dann kamen auch die neuen, über jeden Verdacht der nationalsozialistischen Mittäterschaft erhabenen Ingenieure; allen voran eine charismatische Gestalt — Rotter.
Gottfried Rainer zeigt mir zum Abschied den Weg: Ich hätte an der Dorfstraße nur auf einen dicht von Bäumen bestandenen Garten zu achten, das Haus der Rotters sei von der Straße aus kaum zu sehen, der Oberingenieur lebe jetzt mit seiner Frau sehr zurückgezogen, ich hätte höflich und zurückhaltend zu sein, der Tauernbüffel wolle an manchen Tagen niemanden sehen.
Der Tiroler Ernst Rotter hatte 1947 die Leitung über sämtliche Baustellen des Speicherkraftwerkes Glockner-Kaprun übernommen und dann etwas zustande gebracht, was als Entwurf der weiteren Geschichte der Zweiten Republik gelten konnte: Rotter hatte die mehr als fünfzehntausend Arbeiter, die sich unter seiner Anleitung bis zur Krönung der letzten Talsperre im Jahre 1955 plagten, zwar nicht restlos miteinander ausgesöhnt, aber mit einer perfekten Organisation und Verwaltung und grandiosen technischen Lösungen doch die Voraussetzungen für eine neue österreichische Identität geschaffen.
Die aus den Mitteln der amerikanischen Marshallplan-Hilfe und später auch einer österreichischen Energieanleihe hoch bezahlten Akkordarbeiter von Kaprun wurden nach und nach zu den Idealtypen des Wiederaufbaus. Gebannt starrte die Nation auf die wachsende, tragische Größe der Talsperren, auf ihr erstes Prunkstück, und richtete sich an jedem Höhenmeter auf.
Kaprun war Österreich. Schon die Schlagzeilen jener Flut von Zeitungsartikeln, die das Baugeschehen durch die Jahre begleiteten und die erst lange nach der Vollendung des Speicherkraftwerkes in den Hängeordnern der Archive verebbten, bezeichneten das Feld eines nationalen Mythos:
Namenloses Heldentum in Kaprun l Grässliche Lawinenkatastrophe in Kaprun- 15 Arbeiter tot / Unvergessliche Kampftage in der Gletscherwelt / Kaprun: Die Nazis sind wieder da / Das steinerne Heldenlied von Kaprun — Jeder Stollenkilometer kostete zwei Tote / Symphonie der Arbeit / 132 Arbeiter mussten bisher für Kaprun sterben / Marshallplan hilft / Der Tauernbüffel — Gehasst und geliebt / 1500 Arbeiter vom Abbau bedroht / Vom. Schrägaufzug in die Tiefe gestürzt / Steinschlagkatastrophe am Mooserboden - Sechs Tote / Ist Kaprun eine Räuberhöhle? / Kapruner Arbeiter von Gendarmen erschossen / Betriebsratswahlen in Kaprun: Wahlbetrug! / Die Wahrheit über Kaprun / Die Schande von Kaprun / So war es wirklich in Kaprun /
Und so fort.
Ernst Rotter lebt nun abgeschieden inmitten des Dorfes. Diese Bäume, sagt Luise Rotter, eine alte Dame, die mir das Gartentor geöffnet hat, und zeigt auf Fichten, die das Landhaus wie eine Mauer umstehen, diese Bäume habe er gepflanzt.
Und dann, in einem mit kunstvollen Möbeln und lebensgroßen Heiligenfiguren ausgestatteten Salon, an einem dunklen Tisch, sitzt ein alter Mann; groß, immer noch ein Hüne. Ernst Rotter ist dreiundachtzig Jahre alt. Ja, er leidet an seinem Alter. Ein Schlaganfall hat ihm viel von seiner Kraft genommen. An den Sperrenbau braucht er nun nicht mehr zu denken.
Aber er hat noch viele Zahlen im Kopf - nicht nur Kubaturen und statische Berechnungen, auch andere. 71000 Briefe wurden auf den Höhenbaustellen geschrieben. Und nach dem Krieg waren noch 55 Millionen Arbeitsstunden nötig. Das sind 6278 Jahre. Diese Möbel da haben ihm auch seine Kapruner Arbeiter gemacht, alles Handarbeit, eine große Kunst. Die Figuren, die trauernde Madonna und den Gekreuzigten, hat er selber geschnitzt. Über die Baustellen hat er hart regiert. Unerbittlichkeit hat man ihm vorgeworfen. Aber er hat nie etwas verlangt, was er nicht auch von sich selber verlangt hätte.
Das war sein Gesetz. Und er hat in seinen acht Sperrenbaujahren nie Urlaub gemacht und war nie fort aus Kaprun. Für Radikale, ob von links oder rechts, für Kriegsgewinnler und Zarte war kein Platz. Aufrührer und Schläger hat er eigenhändig aus dem Tal geprügelt. Streiks gab es kaum. Die meisten haben ja nicht nur an den Sperren, sondern an ihrem Leben gebaut. Das beweisen die schönen Häuser da draußen. Konferenzen und Besprechungen, lange Diskussionen hat er gehasst.
Er hat viel im Freien gesprochen, vor den Arbeitern, vor den Ingenieuren, und dabei oft Erklärungen, Kalkulationen und Formeln in den Schnee geschrieben. Viele sind zugrunde gegangen für dieses Werk. Allein nach dem Krieg und bis zur Vollendung waren es 52 Tote. Auf dem Kapruner Friedhof gab es früher einmal eine eigene Gräberzeile für diese Arbeiter; eine Reihe schmiedeeiserner Kreuze und steinerner Einfassungen.
Aber dann hat sich niemand mehr um diese Gräber gekümmert. Sie wurden aufgelöst. Jetzt steht neben dem Kriegerdenkmal, bei den Zedern, ein Marmorstein mit 52 Namen und der Inschrift »Wir gedenken ihrer und aller anderen die beim Bau verunglückt sind in Trauer und Dankbarkeit«. Die Sperren, die werden halten. Nicht ewig. Aber sie werden ihn und viele, die nach ihm kommen, überdauern.
»Eines habe ich schon damals gewusst«, sagt Rotter dann und legt für seinen Besucher ein Buch über den Sperrenbau auf den Tisch, ein Geschenk, »ich habe gewusst, dass ich so etwas wie Kaprun nie wieder erleben werde. Seltsam, in der Mitte des Lebens zu stehen und zu wissen, dass alles, was noch kommt, nur das Kleinere und Unbedeutendere sein kann.«
Dann schreibt er in das Buch eine Widmung. Es sind nur drei Worte: »Es war einmal«. Darunter setzt er seinen Namen.

(1985)



Beitragsbewertung:
Bei ForumRomanum, im Forum suchen nach Kaprun Errichtung Mauer

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